Menschen machen Orte 1/ Marokko / André Heller / Anima Garten / bei Marrakesch

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Aus meiner Reihe: Menschen machen Orte 1 / Marokko/ Portrait 1© Ute Maria Lerner 2016

Zu Besuch bei André Heller im Anima Garten bei Marrakesch

Wenn ich mich an die Schallplattensammlung meiner Jugend erinnere, waren die Platten von André Heller die , die ständig im Einsatz waren. Es gab Zeiten, da habe ich sie jeden Tag angehört. André Hellers Wortpoesien haben mich in meiner Jugend schon angesprochen und inspiriert. Umso schöner, dass ich den Meister hier in Marokko dann doch noch persönlich kennenlerne, nun selbst schon einige Jahrzehnte dem kreativen Schaffensprozess hingegeben. Mir fällt der Begriff ein, den eine Freundin kürzlich in einem anderen Kontext verwendete, und den ich nun mit André Heller in Verbindung bringe. Denn Menschen wie er sind für mich das Salz der Erde, ohne ihr kreatives Schaffen und ihre Lebenspoesie wären wir um einiges ärmer. 

Marokko – Portrait 1

Photo © UML 2016

André Heller, der Magier der Worte, Kreateur von Sinneswelten und Zauberer poetischer, phantastischer Geschichten, hat mit seinem Projekt Anima nun einen Sinnesort geschaffen, welcher ihn wohl  über die Vertreibung aus dem Paradies hinwegtrösten wird. Ja, er verspricht sogar : Anima : LE RETOUR DU PARADIS.

Hier hat der  “in der Wolle gefärbte Südling“ ( Selbstbeschreibung) seinen Herzens und Wunschort erschaffen, und hält sich den überwiegenden Teil des Jahres in Marokko auf, schreibt und arbeitet viel von hier aus. Seine Seele fühle sich hier wohl, sagt er. Marokko hat er 1972 zum ersten Mal bereist, und er blieb damals gleich ein halbes Jahr, wie er erzählt. Seitdem hat Marokko ihn nicht mehr losgelassen.

Sieben einhalb Hektar umfasst das Terrain, welches er erworben hat. Auf  drei Hektar präsentiert sich bereits der Anima Garten, und weitere sollen bald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sein Privathaus ist abgegrenzt und durch eine Holztür, unauffällig integriert ins Ambiente, den Augen der Besucher verborgen. Hierhin kann er sich zurückziehen. Schon beim ersten Blick auf das Anwesen spürt man, dass der Mann gar nicht anders kann, als Schönes zu kreieren. Er hat das Projekt Anima ausschließlich mit eigenen Geldern finanziert, dafür seine Residenz am Gardasee und Teile seiner Kunstsammlung verkauft, wie er berichtet. Schon bei früheren Projekten des manischen Realisateurs (Eigenbeschreibung) konnte man verfolgen, dass er nur sehr schwer Kompromisse eingehen kann. Lieber lässt er ein Projekt scheitern. Heller bewegt sich nun in eine weitere spirituelle Dimension mit diesem Projekt, wie ich den Eindruck habe.

Viele Jahre liegen hinter ihm, in denen er sich mit Pflanzen und Gewächsen beschäftigt hat, um seine Visionen eines Kraft und Sinnesgartens umzusetzen. Natürlich haben ihm hier viele einheimische Hände geholfen. Es war ihm auch ein dringendes Anliegen, hier Arbeitsplätze zu schaffen. Damit auch Existenzen zu sichern, um  junge Menschen vor der Flucht aus dem Land abzuhalten. Nicht umsonst steht auf seiner großen Plastik  im Garten, einer Interpretation der Arche Noah,- das Wort Hoffnung in vielen Sprachen. Ein Team von 50 Einheimischen ist heute hier fest angestellt, mit Sozial und Krankenversicherung. Heller war schon immer ein Macher, und sich in dieser Form der Flüchtlingsthematik zu stellen, zeugt davon, dass er auch, was sein soziales Engagement betrifft, kein bloßer Gutschwätzer ist. Ein Ort des Einklangs ist ihm wichtig. Ein Ort der gegenseitigen Wertschätzung , nicht nur der Menschen, die hier arbeiten, sondern auch der Pflanzen, Bäume und Sträucher, die wiederrum ihr Wertgeschätztsein dadurch ausdrücken, dass sie gedeihen und wachsen, und den Ort besinnen und beseelen. Nicht erst seit Peter Wohllebens Buch ( Das geheime Leben der Bäume) ist bekannt, das Bäume miteinander kommunizieren. Warum sollten sie nicht auch mit Menschen kommunizieren, die sie wertschätzen? Ich teile Hellers Interpretation eines kommunizierenden Universums. Auch Schamanen tragen dieses viele tausend Jahre alte Wissen an uns weiter.

Wie alles begann, erzählt mir Gregor Weiss, der managing director des Anima, den André Heller aus Wien geholt hat, und der das Projekt mit aufgebaut hat. Beim Plausch auf einer Bank und dem Plätschern des Wassers im Hintergrund, erzählt mir Gregor Weiss von der oft abenteuerlichen Aufbauphase des Gartens.

“ Man kann nicht die Natur zerstören, um ein Paradies zu schaffen“ (Gregor Weiss)

Interview mit Gregor Weiss

Gregor Weiss war immer fasziniert von der Person und dem Künstler André Heller. Für dieses Projekt ist er nach Marokko gegangen, um mit Heller zu arbeiten. Wir sitzen im Anima Garten auf einer Bank zum Plausch. Im Hintergrund  Vogelgezwitscher und Wassergeplätscher.

UML: Herr Weiss, wie sind sie zum Anima gekommen, und können sie etwas über die Anfänge des Projektes sagen?

GW:  Ich bin weder Botaniker noch Landschaftsarchitekt, ich habe Politikwissenschaft und Geschichte studiert, und bin dann über  Umwege beim Film gelandet. Ende 2007 / Anfang 2008 wurde ich vom Büro André Heller kontaktiert, eben weil sie von mir gehört hatten. Ich war ein Österreicher, der Französisch spricht, der Arabisch Grundkenntnisse hat, und der in Ländern, die anders funktionieren als Mitteleuropa, Dinge auf die Beine stellt. Ich habe für den Dokumentarfilm gearbeitet, -wir haben beispielsweise während des Monsoons in Bangladesh gedreht, oder in den Slums von Nairobi-, also in Gegenden, wo so gut wie gar nichts funktioniert. Ich habe als Regieassistent und Line Producer bei verschiedenen Produktionsfirmen gearbeitet, auch im Spielfilm, aber überwiegend im Dokumentarfilmbereich.

Mich hatte die Anfrage sehr interessiert, und damals ist auch mein erstes Kind auf die Welt gekommen. Ich wusste, wenn ich weiter beim Film arbeite, werde ich dieses Kind nicht sehr oft sehen. Weil man ja meistens weg ist. Schon unterschriebene Verträge mit Universal etc. habe ich dann alle gecancelt und habe also angefangen, mit André Heller zu arbeiten. Bevor es in Marokko los ging, habe ich noch ein anderes Projekt eingeschoben. Auch habe ich noch 2008 das Flagship , eine Riesenskulptur von Francesca Habsburg, als Produktionsleiter für die BIAX Biennale in Sevilla realisiert. Das wollte sich André Heller noch anschauen. Parallell dazu kam ich aber dann schon immer hierher, um die Baugenehmigungen einzureichen, die Firmen auszuwählen etc. Marokko hat ja eine postkoloniale Gesetzgebung, wie fast alle afrikanischen Länder, wo es für Ausländer verboten ist, Agrargrundstücke zu kaufen. Wir sind hier in einer ländlichen Gemeinde, das war eine ehemalige Rosenfarm. Wir haben hier sieben einhalb Hektar, das ist ungefähr die Größe vom Stadtpark in Wien. Von den siebeneinhalb Hektar haben wir bis jetzt drei dem Publikum geöffnet, und werden eine weitere Zone in ein-bis zwei Jahren öffnen. Es gibt wie gesagt noch ein Areal, das privat genutzt wird. Auf dem befindet sich das Privathaus von André Heller.

Ich kannte bisher den arabischen Raum,  den Mittleren Osten, also Syrien, Libanon, Ägypten, und war ein Jahr in Damaskus. Dann bin ich relativ schnell mit Frau und Kind hierher gezogen. Hier in  Marokko hatte ich nicht das Gefühl, in einem arabischen Land zu sein, sondern eher das Gefühl in Afrika zu sein, was es ja auch ist. Aber es ist eben in vielen Dingen weit weg von den Golfstaaten und dem Mittleren Osten. Es ist eine sehr sinnliche Kultur. Der Islam ist stark vom Sufismus geprägt, also spiritueller. Die Hälfte der Bevölkerung sind Berber und keine Araber, und das macht auch einen Unterschied. Es ist ein sehr freundliches Land, ein sehr Willkommen heißendes Land und auch ein sehr abwechslungsreiches Land. Marokko hat unglaublich unterschiedliche Landschaften, wir haben die mediterrane Küste, Tanger, die spanischen Enklaven Melilla und Ceuta, es gibt Hochgebirge, den hohen Atlas, Gebirge, die höher sind, als alles was wir in Österreich haben. Wir haben hier das zweithöchste Bergmassiv Afrikas nach dem Kilimandscharo. Der Jbel Toubkal ist mit 4167 der höchste Berg in Marokko.

Diese Projekt ist natürlich ein sehr intimes Projekt von André Heller. Es ist komplett eigenfinanziert, und ein Portrait all seines Wissens und Könnens und seiner Selbst. Er ist ein Mensch, der sehr klare und konkrete Vorstellungen von dem hat, was er tut. Er verwendet gern den Satz: Der Gedanke schrumpft zur Tat.

UML: Haben sie mit Landschaftsarchitekten gearbeitet?

GW: Wir haben 2008 einen Landschaftsarchitekten in Marrakesch engagiert, der diese Ideen dann zu Papier bringen sollte. Der hat sehr versucht, sich selbst einzubringen und den Garten zu gestalten, was nicht gefragt war. Wir mussten uns voneinander trennen, bevor wir angefangen haben. Dann haben wir erst einmal zwei Gärtner genommen und angefangen, aufzuräumen. Und daraus hat sich ergeben, dass wir diesen Garten gemeinsam gemacht haben. Das war ursprünglich gar nicht so angedacht, sondern ich bin ja  zunächst als Geschäftsführer hier her gekommen. Ich habe dann auch die Bauleitung gehabt für die 13 Gebäude. Es war eine sehr schöne Erfahrung. Im Grunde Legospielen für große Buben… Das eine ist ja, einen genauen Bauplan umzusetzen. Das andere aber ist, etwas umzusetzen, was jemand nicht auf dem Papier hat, sondern im Kopf. Wir haben zwar manchmal mit Skizzen gearbeitet. Aber hier war ja nichts; es war ein flaches, leeres großes Feld. Hier geht es darum, sich  vorzustellen, wie funktionieren die Höhen der unterschiedlichen Pflanzen, die Blickachsen usw. Wir sind sehr viel spazieren gegangen, in Wien, in Italien, in Madrid, in Marokko, wo mir André Heller erklärt hat, welche Stimmungen er erzeugen will. Wir hatten dann auch Situationen, wo ich am Handy hier durch den Park gegangen bin, als er noch am entstehen war, und er in Wien auf der Couch gelegen hat mit geschlossenen Augen. Ich habe ihm dann erzählt, was ich sehe, und er hat mir erzählt, was  er gerne sehen würde.

Das ist natürlich ein sehr intimes Zusammenspiel. Wir sind darauf gekommen, dass wir eine Menge gemeinsamer Bande haben, oder Anspielungspunkte  in der Malerei , der Musik etc.. Es war ein sehr feines Zusammenspiel, ein sehr schönes Zusammenarbeiten. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, nicht nur über technische Dinge, sondern besonders auch über Ästhetik und  über Stimmungen. Es war, wie gesagt, eine sehr schöne und intensive Zusammenarbeit, und dass, obwohl wir uns nicht kannten, bevor wir angefangen haben.

UML: Auf wie viele Jahre der Zusammenarbeit waren sie denn eingestellt?

GW: Ich bin in meiner Planung für drei Jahre hier her gekommen. Das war die Zeit, die die österreichischen Architekten meinten, dass es dauern wird. Ich habe dann aber fünf  Jahre in Marrakesch gelebt und zwei Jahre hier. Es hat also augenscheinlich länger gedauert, als ursprünglich geplant, was zum einen an den Änderungen am Projekt lag, aber auch an den anderen Realitäten hier in Marokko  lag, die anders funktionieren, als die Abläufe in Österreich oder der Schweiz oder Deutschland. Wir haben in manchen Jahren bis zu 5 -6 Monate Zeit verloren. Das lag zum Beispiel am Ramadan, oder das lag an den  klimatischen Bedingungen  in Marrakesch; es wird hier sehr heiß im Sommer. Wir haben hier von Anfang Juni bis Ende September über 40 Grad, deshalb ist es ja hier in unserem Anima Garten dann auch so angenehm von den Temperaturen durch die ganzen Pflanzen. Im Sommer herrscht hier in Marrakesch oft eine Ausnahmesituation. Wir haben teilweise über Wochen 48 / 49 Grad gehabt. Das verlangsamt alle physischen Arbeiten. Das andere sind religiöse Feste, die in Marokko teilweise länger gefeiert werden als in anderen arabischen Ländern.

Dazu gibt es Zeiten, an denen kein Arbeiter auf die Baustelle kommt: Wenn es Feiertage gibt, das große Schlachtfest etc., oder , wenn es regnet. Dann kommen ¾ der Menschen nicht, weil die mit dem Fahrrad kommen, oder zu Fuß, was dann kaum möglich ist. Es hat halt einfach viele Fragezeichen hier zu arbeiten. Dazu kommen die Materialien. Wir hatten auf der Baustelle fast 80 % Analphabeten.Wenn es also einen Plan gibt, können sie den nicht lesen. Dann muss man das anders erklären. Wir haben ein babylonisches Sprachgewirr gehabt, Deutsch und Englisch unter den Architekten und uns, Französisch als Umgangssprache unter den Firmen, Arabisch als Arbeitssprache auf der Baustelle, und dann wurde es übersetzt in andere Dialekte für die Arbeiter. Der Botaniker war Spanier, der nur spanisch konnte. Am Ende, wenn man dann so stille Post spielt, und keiner will auch nachfragen und sagen, dass er es nicht verstanden hat, kann dabei auch noch mal etwas Neues herauskommen. Und diese Prozesse brauchen eben auch Zeit. Lange Rede, kurzer Sinn, es ist komplizierter hier zu arbeiten, als bei uns. Auch wenn man zum Beispiel Sachen nicht bekommt, die dann 2-3 Monate im Zoll hängen bleiben.

Um noch ein Beispiel zu nennen: Wir hatten am Anfang 60-70 Maurer, und nach drei Wochen, wo die so richtig losgelegt hatten, und es schön war, zu sehen, dass die Baustelle nun so richtig startet, waren wir plötzlich nur noch zu fünft auf der Baustelle. Dann habe ich gefragt, was los ist. Ich bekam dann zur Antwort, dass es eine Hochzeit im Ort gibt. Sie sind dann nach 12 Tagen wiedergekommen, wie das Geld alle war. Das war nicht angekündigt. Das waren dann halt zwei Wochen, in denen fünf Arbeiter gearbeitet haben statt siebzig. Das sind hier relativ normale Dinge, die passieren.

Der Analphabetismus ist auch ein wichtiger Aspekt dabei. Es betrifft ja hier nicht nur Pläne, wo es um Zentimeter geht. Auch bei den Pflanzen versuchen wir, hier so biologisch wie möglich zu arbeiten. Manchmal muss man der Erde aber sozusagen frische Vitamine geben. Dabei ist es wichtig, den Unterscheid zwischen Milliliter und Centiliter und Kubikzentimeter zu kennen, sonst kann da viel schiefgehen. Wir haben ja eine sehr lehmhaltige Erde. Für jede Pflanze haben wir eine eigene Erdmischung gehabt. Das heißt, die komplette vegetale Erde wurde abgetragen, und dann neu gemischt, sodass es der Pflanze entspricht. Uns ist zum Beispiel im ersten Jahr der Bambus ertrunken. Bambus liebt Wasser, kann aber nicht schwimmen. Er hat geschwächelt, dann haben wir mehr gegossen, das hat aber unten die Erde zugemacht, und  er hat im Wasser gestanden.

“Ein Garten ist nie fertig“

Wenn man ein Bild malt, oder einen Roman schreibt, dann ist der irgendwann fertig. Der Garten ist heute schöner, als vor einem Jahr, und in fünf Jahren schöner als jetzt. Er lebt……

Was auch nicht funktioniert hätte mit einem Plan ist, dass es in Marokko keine Baumschulen gibt, wie in Europa. Das, was Sie auf der Hinfahrt am Weg gesehen haben, dass ist das, was es hier quasi an Baumschulen gibt. Wir haben die Pflanzen also einzeln bekommen, meistens bei Bauern. Wir hatten Scouts, die losgeschickt wurden auf Fahrrädern und alten Mopeds. Dann stand irgendwo hinterm Haus eine Pflanze, die interessant sein könnte. Dann habe ich einen Gärtner geschickt, dass er sie sich anschaut, und ob sie gut beieinander ist. Es wurde ein Photo davon gemacht, erst dann habe ich jemanden geschickt, um zu fragen, ob die Pflanze zu haben wäre. Wenn dem so war, dann bin ich gekommen. Ich bin groß, blond und habe blaue Augen, und sehe  nicht marokkanisch aus. Damit steigen die Preise automatisch in die Höhe .Es ist eine sehr zeitaufwendige Sache gewesen. Ich bin dann dort hingegangen. Man wird vom Hausherrn empfangen, zunächst  setzt man sich unter den Olivenbaum und tauscht Höflichkeiten aus, zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig Minuten..  Dann trinken wir einen Tee, und essen vielleicht hausgemachtes Brot und hausgemachtes Olivenöl,… erst dann gehen wir den Baum anschauen, und vielleicht noch andere. Dann kommt das Verhandeln, und dann kommt wieder der Tee. Es ist eine andere Kultur, und funktioniert so, und alles andere ist unhöflich. Die Preisverhandlung hängt auch von der Höflichkeit ab……

UML: Eigentlich sehr symphatisch, aber je nach dem, aus welcher Kultur man kommt, ist das ja auch eine Herausforderung…

GW: Ich habe das zwischenzeitlich sehr genossen. Aber manchmal fehlen einem auch die Zeit und die Nerven dafür. Ich habe viel zu tun mit Investoren und reichen Menschen in schönen Restaurants, das habe ich sehr gerne. Ich esse sehr gerne gut, und mag ein angenehmes Ambiente. Deshalb war diese Arbeit auch ein gutes Korrektiv hier in Marrakesch. Mit ganz einfachen Menschen umzugehen, mit denen ich auch gearbeitet habe. Ich war immer auf der Baustelle. Die Arbeiter waren größtenteils wie gesagt Analphabeten aus den drei umliegenden Ortschaften. Wir haben uns oft getroffen um sechs Uhr in der Früh, weil die Gärtner früh anfangen. Am Straßenrand in irgendeiner Garküche haben wir die Suppe gegessen. Ich war immer der einzige, der mit dem Auto angekommen ist, und mit Sicherheit der einzige Blonde. Man isst aus der selben Schüssel, ohne Löffel, trinkt aus einem Glas. Das waren Dinge, die ich mochte, denn das hat nichts touristisches mehr, oder schickes, das ist Terre á Terre. Das ist auch etwas, was mir immer gut getan hat, um zu verstehen, wie das Land funktioniert.

Marokko hat so unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ein Bild welches das gut repräsentiert, ist die Autobahn. Die neue Autobahn gibt es erst seit ein paar Jahren. Sie  geht jetzt von Tanger über Rabat, Casablanca, Marrakesch nach Agadir. Wenn man dort fährt, ist man von Autos umgeben, die man bei uns in Europa nicht so oft sieht: Also diese Luxusschlitten, große BMWs, Lamborghini, Mercedes, Masserati, etc. Und oben auf der Brücke, sieht man eine Schafsherde, einen Eselskarren,  und  ein Moped auf dem vier Leute fahren, und sich eine ganze Familie drauf fortbewegt . Und das ist beides Marokko. Die existieren nebeneinander. Dies alles ist sehr weit voneinander entfernt . Die Schere ist unglaublich groß. In jedem Land, wo es sehr viele Arme gibt, gibt’s ein paar sehr Reiche. Deshalb war es für mich immer wichtig, diesen Bezug zu behalten und den Kontakt mit den Arbeitern, dass ich da nicht völlig abgehoben stehe. Das ist eine Frage von Respekt, in dem Fall mein Respekt in Richtung der Arbeiter. Ich weiß auch, das diese Dinge mir hoch angerechnet wurden, in dem Sinne, das mein Verhalten oft davor geschützt hat, unglaublich übers Ohr gehauen zu werden. Denn diese Menschen haben mir dann mit einem Augenzwinkern gesagt : Achtung.. Wir haben versucht, so ökologisch wie möglich zu arbeiten, das heißt, wir haben alle Bäume selber ausgegraben. Bei der ersten Lieferung bin ich mit André Heller durch einen Olivenhain gegangen, und wir haben acht  schöne Olivenbäume ausgesucht, besonders schöne Stämme, Verzweigungen und Kronen, es waren Prachtexemplare..

Die Olivenbäume wurden drei Tage später geliefert, auf einem Kleinlaster, da war André Heller zum Glück nicht mehr da.., denn mir sind zehn Telefonmasten vor die Füße geworfen worden…

Die waren auf drei Meter beschnitten, am Stamm und an den Wurzeln, und ich habe erst gar nicht verstanden, was das ist…

Ja, das sind die Olivenbäume hieß es..

Ich dachte nur: Das kann nicht wahr sein, dass da überhaupt noch was lebt. Aber das war in dem Fall auch fast schon nebensächlich. Bei uns geht es ja nicht um Ernte, es geht nicht um Ertrag, es geht um Schönheit und Ästhetik, und das war schwer vermittelbar. Wir haben dann angefangen, das selber zu lernen, selber zu machen, haben dann die Bäume selber ausgegraben, da wo sie waren, und hierher transportiert, und dann hier wieder eingegraben. Das hatte den Vorteil, dass wir selbst Einfluss darauf hatten, wie viel wir wegschneiden und wo.

UML: Kann man denn Olivenbäume einfach ausgraben und wieder eingraben…

GW: Es geht, ja es geht viel, wenn man Dinge richtig macht und weiß wie. Wir haben uns eben diesen spanischen Botaniker geholt, der uns diese technischen Dinge erklärt hat. Ich komme nicht vom Fach, und die Gärtner auch nicht. Das sind Bauernbuben, die die Hände in der Erde haben, aber nicht gelernt haben, wie man Äste schneidet, wann man was zurückschneiden muss. Die hatten vielleicht Regeln, die in der Familie angewandt werden. Aber da ging es nie um ästhetische Fragen, sondern um Ertrag, das war also noch mal ein gemeinsamer Lernprozess……

Aber noch kurz zu den Olivenbäumen: Dann haben wir das also selbst gemacht, was den Vorteil hatte, -mir sind sehr oft Pflanzen angeboten worden-, zum einen von den Scouts, und zum anderen hat sich das schnell herumgesprochen, das hier ein großer Garten entsteht, und wir hier große Bäume kaufen, oder auch schiefe Bäume.. Es wird in Marokko auch viel illegaler Handel betrieben mit Pflanzen, illegal im Sinne, dass es Menschen gibt , die Nachts in den Oasen in der Wüste Palmen ausreißen ziemlich wild, und dann hier schnell verkaufen. Das sind LKW´s, die meist morgens sehr zeitig ankommen, und ich bin oft früh auf einem LKW gestanden bei einer Stadteinfahrt. Man lernt sehr schnell zu sehen, was das für Bäume sind, wie sie ausgerissen wurden, …am Wurzelballen,.. an Spuren, ..am Stamm. Ich wage zu behaupten, dass hier in unserem Garten nicht eine Palme steht, die so ausgerissen wurde. Sie sind natürlich preisgünstiger, aber man kann nicht die Natur zerstören, um ein Paradies zu schaffen, um einen Garten zu schaffen, das ist ethisch nicht vertretbar.

Das war ein Anliegen von André Heller, und auch ein geteiltes Anliegen von mir, das zu verhindern. Zum anderen, wir haben genauso viel Wasser wie die Nachbarn. Das ist eine ehemalige Rosenfarm. Es gab hier zwei Brunnen, handgegrabene Brunnen, mit der Spitzhacke, 50 Meter runter, 40 Meter in Seitengänge rein auf den Knien. Man hofft, die Gerinsel aus dem Atlas damit aufzufangen, sozusagen zwischen Berg und der Stadt, und das geht da unten durch, und mit ein bisschen Glück erwischt man die.

Wir sind nicht angeschlossen ans Wassernetz, und wir spielen nicht bei diesem Spiel mit, was es in Marrakesch gibt. Die Frage ist auch schon immer mal wieder aufgetaucht. Marrakesch liegt auf einem unterirdischen See, und wer dort tiefer gräbt, hat länger Wasser. Das heißt, diese Golfanlagen haben natürlich andere Ressourcen um tiefer zu graben als die Bauern, und graben denen das Wasser ab. Das machen wir nicht, wir haben wirklich dieselben Sickerbrunnen und denselben Anteil wie die Nachbarn. Wir haben auch versucht, ein möglichst wassersparendes Bewässerungssystem zu installieren. Sie haben rundherum diese kargen Flächen gesehen, die haben aber genauso viel Wasser wie wir. Wenn man Wasser richtig und vernünftig einsetzt, kann man damit relativ viel begrünen. Wir sind hier in einem ganz dicht bewachsenen Garten. Wasser ist etwas, was in einer Stadt wie Marrakesch oder einem Land wie Marokko eine große Rolle spielt. Und auch der Teil, der fürs Publikum nicht geöffnet ist, ist üppig begrünt. Also wir kommen für die ganze Fläche mit den zwei Brunnen aus. Es ist  natürlich so, dass wir Ende Juli und August sehr vorsichtig umgehen mit dem Wasser, und manche Dinge nur jeden zweiten Tag gießen. Die Palmen und die Olivenbäume dann nicht mehr, die halten das aber aus. Den Rasen gießen wir nur nachts, damit möglichst wenig verdampft. Der ökologische Aspekt war uns sehr wichtig, also auch mit Solarenergie zu arbeiten. Der andere Aspekt war der soziale Aspekt. Man kann so ein Projekt nicht machen und ignorieren, wo man sich befindet. Wir sind in Afrika, wir sind in Marokko, wir sind in Marrakesch, wir sind am Beginn des Ourika Tales in einer eher ländlichen Gegend, die mehr von Berbern bewohnt wird. Es ist auch eine etwas ärmere Gegend, mit einer höheren Analphabetenrate.

Wir haben versucht, fast alle Angestellten aus den umliegenden Dörfern zu rekrutieren. Von den 50 Festangestellten, die das Anima jetzt hat, stammen 45 aus den umliegenden Dörfern. Das sind junge Menschen, die wir angelernt haben. Sie haben hier bei uns das Gärtnern gelernt. Es gibt hier keine Gärtnerschulen in dem Sinne. Die wenigsten der Arbeiter haben einen Schulabschluss, und es sind auch unter den Angestellten nach wie vor viele Analphabeten, denen wir zum Beispiel angeboten haben, sie zu unterrichten. Das sind junge Menschen, die jetzt nicht mehr weg müssen. Es gibt hier in der Gegend keine Arbeit. Die wären dann in die Stadt gegangen, oder aufs Schiff. Alle sind hier deklariert, mit anständigen Verträgen, sozialversichert, und mit ihren Familien krankenversichert. So ein Garten ist ja kein Festival, welches nach drei Monaten zusperrt.  So ein Garten ist ein langfristiges Projekt, um da zu bleiben. Vielleicht nicht für die Ewigkeit, aber wenn das alles gut geht, von Naturkatastrophen und Ähnlichem abgesehen, haben die eine Anstellung bis an ihr Lebensende. Die Arbeiter können, aufgrund der unbefristeten Verträge, die sie haben, eine Familie gründen. Sie können planen, und haben eine Perspektive. Und das ist natürlich sehr, sehr positiv, und dementsprechend positiv werden wir auch wahr,- und aufgenommen von den umliegenden Gemeinden.

UML: Das wäre jetzt meine Frage gewesen, wie das hier so aufgenommen wird….

GW: Ja nun, einige Menschen finden das wahrscheinlich etwas absurd, was hier so tun, denn wenn sie das Geld hätten, würden sie eine Plantage bauen, und die Früchte verkaufen. Ich glaube aber, dass ich über die Jahre ein Team aufgebaut habe, dass sich sehr mit dem Projekt identifiziert. Ich habe das gemerkt bei der Eröffnung, wie stolz sie waren, wie 350 Leute gekommen sind und die internationale Presse. Von den marokkanischen Autoritäten ist auch der Gouverneur dabei gewesen. Auf höherer  Ebene wäre das königliche Protokoll rein logistisch von uns nicht mehr umsetzbar gewesen. Die königliche Familie laden wir noch mal gesondert ein.

Es gibt auch ein Sozialprojekt, einen Verein hier in unserem Ort sogar, der an uns herangetreten ist, den es schon gab, und wo fast alle Einwohner Mitglieder sind. Wir sind einer der zwei oder drei Hauptsponsoren dieses Vereins, und wir haben jetzt schon zwei Schulklassen gebaut. Wobei in der einen Schulklasse die Schüler zwischen vier und sieben Jahre alt sind, und in der andern Klasse die Mütter und Großmütter unterrichtet werden. Das klingt jetzt aufoktroyiert von Europäern, ist es aber nicht. Die haben das so angeboten. Wir fanden das großartig. Die Lösung ist Bildung. Die lernen nun das Einmaleins  und Arabisch lesen und schreiben. Wir mischen uns auch nicht ein in den Lehrplan. Sie wissen, was sie brauchen, und das wissen die auch besser als ich. In Marokko wird zum Beispiel fast alles über Scheck gezahlt, und sie können nicht lesen, was da drauf steht.

Es wird jetzt ein dritter Saal fertig , in dem zum Beispiel auch Handarbeit unterrichtet wird. Am Abend können die Männer Fortbildungskurse auch im Sinne von Lesen, Schreiben und Rechnen machen.

UML: Das unterstützen sie mit, oder sie sind Hauptsponsor?

GW: Anima oder André Heller ist glaube ich der Hauptsponsor, es gibt noch 2- 3 Sponsoren, die auch größere Summen geben. Das andere sind kleinere Projekte in der Umgebung, wir haben zum Beispiel eine Geburtenstation unterstützt. Es gibt hier sehr viele Dörfer, die mit Autos nicht erreichbar sind. Und wenn es da komplizierte Schwangerschaften gibt, ist das Risiko, das diese Frauen und die Kinder bei der Geburt sterben, sehr hoch. Nun  kommen sie hier herunter in einen dieser Orte, um die Kinder auf die Welt zu bringen.

UML:  Diese Einbindung finde ich ganz wichtig, denn wenn solch ein Projekt völlig abgeschottet  irgendwo stehen würde, dass bekommt dann leicht etwas Absurdes. Es muss in die Gegebenheiten und Realitäten eines Landes, eines Ortes, eingebettet sein.

GW: Ich glaube, das  Anima ist nun der größte Arbeitgeber der Gegend , und wir versuchen so viel wie möglich mit den örtlichen Betrieben zusammen zu arbeiten. Wir haben hier bis zu 150 Arbeiter gehabt, die hier gewohnt haben. Das heißt, die haben natürlich hier beim Bäcker ihr Brot gekauft, ihre Zigaretten hier gekauft, den Kaffee nach der Arbeit getrunken, waren hier beim Friseur etc. Der ganze Ort hat mit profitiert.

Wir haben auch versucht, die Baumaterialien hier zu kaufen, da wo es ging. Zement, Hammer, Nägel. Wenn ich natürlich eine Betonmischmaschine brauche, muss ich die bei einer großen Firma bestellen. Wir haben viel lokal gemacht, uns sehr fair und anständig verhalten, und das wissen auch Alle. Wir ernähren circa 1000 Menschen, das ist für so einen kleinen Ort schon sehr viel. Wenn es dann noch etwas ist, was mit einem Ansehen verbunden ist, -und Anima beginnt einen Namen zu haben-, der sozusagen toll klingt, dann ist das auch noch einmal was anderes.

UML: Es könnte ja so eine Attraktion werden wie der Majorelle Garten

GW: Majorelle ist ein toller Garten, er ist aber in meinen Augen zu überlaufen. Sie lassen einfach zu viele Leute rein auf einmal.

UML: Ja, das empfinde ich allerdings auch so…

GW: Ein Garten hat ja den Sinn, dass man dort kontemplativ sein kann, wenn man Ruhe haben will, wo man auszittern kann, wie André Heller sagen würde..…

UML: Ein toller Ausdruck…

GW: Auch eine Stadt wie Marrakesch ist eine stressreiche Stadt, mit viel Lärm, viel Hupen, ein Overkill an Farben, Gerüchen, Eindrücken, Geräuschen. Wenn man dann an einen Ort kommt, der ruhig ist, der in sich stimmt, dann kann man diese permanente Anspannung raus lassen, also auszittern….

UML: Ja, und in einem Majorelle Garten wird ja genau diese Hektik und Unruhe durch die vielen Menschen wieder mit rein transportiert, da geht das ja gar nicht.

GW: Wir sitzen hier nun schon eine ¾ Stunde und es ist sehr angenehm ruhig.

UML: Ich wünsche dem Anima, dass es diese Atmosphäre bewahren kann.

GW: Wir haben ja diese Onlinereservierungen, um den Gästestrom zu steuern, die großen Zahlen betreffen ja die Gruppen. Die kann man dadurch steuern,  in dem man an bestimmten Uhrzeiten die Buchungen schließt. So kann man sie über den Tag besser verteilen. Das hat ja auch mit dem Gratis Shuttle zu tun, den wir von Marrakesch anbieten. Leute, die mit dem Auto oder dem Taxi kommen, das ist überhaupt kein Problem.

UML: Lieber Herr Weiss, herzlichen Dank für diese ausführlichen Informationen, die den Lesern glaube ich einen sehr guten Eindruck vemitteln, wie der Anima Garten entstanden ist.

Marokko – Portrait 1

Photo © UML 2016

Mit dem managing director Gregor Weiss im Anima Café Paul Bowles.

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  1. […] Ich befinde mich auf dem Weg ins Ouirikatal, um André Hellers Anima Garten zu besuchen. (Siehe Interview/ Menschen machen Orte1) […]

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